Abschied in ein neues Leben

Es ist Frühsommer 1986 und wir stehen am Westbahnhof in Wien. Meine Mama, meine beste Freundin Christa und ich, mit meinem fast dreijährigen Sohn Ronald. Ich sehe mich in Gedanken wie ich hier stehe, Ronald sitzt auf meiner Hüfte und hält sich an mir fest. Meine Mama heult, weil sie es nicht glauben kann, dass es jetzt schon so weit ist, dass wir fahren. Christa hat auch rote nasse Augen. Wir sehen wie Trauernde aus. Tatsächlich nehmen wir Abschied voneinander, für eine bestimmte Zeit.

Wenn alles gut geht, komme ich zu Weihnachten auf Besuch.

Meine Mama hat die letzen Tage immer wieder gefragt: „Willst du wirklich gehen? Meinst du, du wirst es besser haben? Und für den Buben wird es nicht leicht sein.“ Vielleicht wollte sie mir ein schlechtes Gewissen einreden? Um sich selbst ein wenig zu beruhigen hat sie oft einfach so vor sich hin gebrummelt:“ Du hältst es dort sowieso nicht lange aus, nach spätestens einem Jahr bist du wieder da.“ Ich habe das alles überhört, denn ich hab mich entschieden. Ich wage mich in mein neues unbekanntes Leben.

Einige Wochen zuvor habe ich mich in der Schweiz auf eine neue Arbeitsstelle beworben. Ich durfte mich vorstellen und die Zusage habe ich sofort bekommen. Doch was all das noch mit sich sich bringen sollte, dessen war ich mir wenig bewusst.

Eines wusste ich jedoch, es kann nicht schlimmer sein als bisher. Meinen Beruf als Laborantin habe ich Wien in einem scheusslichen Labor in einer Lackfabrik gefristet. Tagtäglich war ich unglücklich, weil ich alleine in einem alten hässlichen Labor meine Testreihen angefertigt habe . Dafür musste ich Proben aus grossen Lackkesseln ziehen, eingehüllt von den Dämpfen der Lösungsmittel und von den Arbeitern beobachtet, machte ich meinen täglichen Probenzieh-Rundgang. Ich wollte weg, weit weg.

Am 13. August werde ich meine Arbeitsstelle in der Schweiz antreten. Davon bin ich im Moment noch völlig überzeugt. Das Labor habe ich schon gesehen. Es ist viel besser als das in der Lackfabrik. Meine neue Chefin ist Conny aus Lustenau in Vorarlberg. Ich verstehe ihren Dialekt leider noch gar nicht. Das wird lustig werden. Eine Herausforderung der Extraklasse.

Irgendwo in diesem Zugsarrangements ist ein Waggon der alle meine Besitztümer enthält. Bücher, Kleider, Geschirr, persönlicher Kram, Dokumente, ja sogar die Ordner mit den Unterlagen meiner Ausbildung. Ziemlich viele Dinge, die man für ein alltägliches Leben braucht. Meine Möbel habe ich alle zurückgelassen, weil ich vorübergehend bei meiner Cousine in Hohenems wohnen kann.

In einigen Minuten wird der Zug einfahren und mich weit weg von meiner Heimat bringen, von meinem geliebten Wien und mein jetziges Leben wird zurückbleiben, meine Wohnung in der Josef-Kutschagasse in Wien, meine liebe Freundin Christa, meine Eltern, mein Liesing, mein Perchtoldsdorf bei Wien mit den Heurigen.

In acht Stunden werden mein Sohn und ich in Hohenems aussteigen und unser neues Leben in Besitz nehmen.

© Brigitta Zingerli

Hinterlassen Sie einen Kommentar