1968 Ein schöner Frühsommertag anfangs Juni lockt mich wie immer aus dem Haus. Ich liebe es draussen zu sein an der frischen Luft. Mein erster Weg führt mich zu den Enten, denen werfe ich ein paar Grasbüschel ins Gehege. Die hab ich beim vorbeigehen am Wegesrand ausgerissen. Die Ziegen bläcken und wollen auch etwas zum Fressen haben. Die Ziegen bekommen von mir aber nichts, weil ich sie nicht mag.

Ich bin fünf Jahre alt. Meine Mama, mein Papa und meine Schwester leben im Waldviertel in einem kleinen alten Häuschen. Rundherum ist eine grosse Wiese und ein richtiger Steilhang hinter dem Haus, den man hinunterrutschen kann und unten landet man dann, wenn man nicht aufpasst fast im Bach. Die Eltern haben es nicht gern, wenn ich zu nahe am Bach bin. Eigentlich haben sie es mir verboten, hinunter zum Bach zu gehen und mich auf die Steine zu stellen. Mir selbst ist es auch ein wenig unheimlich, vor allem, wenn das Wasser so stark kommt. Das ist immer dann, wenn das Rauschen so extrem laut ist, dass man es bis hinauf hört, bis zur Haustüre oder sogar bis hinein, sogar wenn die Fenster noch zu sind.

An unserem Haus führt ein Fussweg vorbei. Der führt über die Wiese zum Hans und der Edith. Das sind unsere Nachbarn, die wohnen dort hinten in dem grossen Bauernhof. Die haben noch viel mehr Viecher wie wir, Kühe und Hühner und Schweine. Manchmal haben sie auch Ferkel. Der Hans ist zwei Jahre älter als ich und der geht jetzt schon in die Schule. Er ist mein bester Freund. Die Edith ist seine Mutter und sie hat einmal zu mir gesagt, ich darf immer zu ihnen kommen, wenn ich möchte. Die Edith kocht immer so gute Erdäpfeln. Manchmal als Suppe, manchmal als Püree.

Ich verschränke meine Hände auf dem Rücken senke meinen Kopf und spaziere los Richtung Edith. Ich rieche bereits die gekochten Erdäpfeln und den Majoran in der Suppe.

Ich habe gehört, wie meine Mutter meinen Vater vor einiger Zeit gefragt hat:"Sag hast du schon mal ein kleines Kind gesehen, dass so daher kommt, wie unsere Gitti?" Was meine Mama damit meint, hat er sie zurückgefragt. Naja, mit dem Gesicht zum Boden und die Hände am Rücken verschränkt. Das machen sonst doch nur alte Leute. "Keine Ahnung wieso, lass sie einfach."habe ich ihn sagen hören.

Mit den Händen am Rücken und dem Gesicht zum Boden, spüre ich besser, ob das Wasser im Bach zu stark kommt, woher der Wind weht, ob die Enten Hunger haben und ich rieche ob die Edith heute Erdäpfelsuppe mit Majoran kocht.

© Brigitta Zingerli

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