1978 das Jahr an dem sich einiges in meinem Leben entscheiden wird. In den nächsten Sommerferien werde ich 15 Jahre alt sein und nach den Wünschen meiner Eltern sollte ich mich nun endlich für „etwas Anständiges“ entscheiden. Damit ist mein zukünftiger beruflicher Werdegang gemeint. Momentan gehe ich noch in die Gesamtschule im 23.Bezirk.

Meine Fähigkeiten in der Schule sind nicht aussergewöhnlich oder hervorstechend. Mathematik mittelmässig, Deutsch mittelmässig, Englisch sehr gut, Turnen ganz schlecht, Religion nicht teilgenommen, weil für blöd befunden.

Ganz untypisch für Mädchen interessiere ich mich für Physik und Chemie. Zeichen, Malen und Kochen, also der Werkunterricht, der macht mir auch noch richtig Spass.

Bezüglich meiner Berufswahl hatten meine Eltern auf mich eingeredet und mir einige Ideen geliefert: „Lerne was handwerkliches, einen richtigen Beruf, werde Friseurin, oder Schneiderin, die hat immer Arbeit und ein Einkommen.

Mein Vater hat gemeint, dass es sowieso nicht so wichtig ist, einfach was Anständiges, weil eine Frau ja sowieso heiratet und dann Kinder bekommt…

„Neeeeiiin!!!“ das macht mich total wütend, aber ich darf es nicht zeigen oder rauslassen. Denn dann riskiere ich eine Watschen von meinem Vater. In mir schreit es: „Niemals werde ich Friseurin lernen und auch nicht Schneiderin, niemals werde ich so sein wie ihr! Niemals möchte ich so leben wie ihr! Ihr habt überhaupt keine Ahnung von dem was ich mir wünsche! Niemand fragt mich, was ich will, was ich mir vorstelle, was ich fähig bin.“ Ich bin total verzweifelt.

Meine Mama ist Hausbesorgerin und rackert sich das ganze Jahr über ab. Stiegen waschen, die Umgebung sauber halten und im Winter Schnee schaufeln. Eine anständige Arbeit.

Mein Vater ist Arbeiter bei einer bekannten Autoreifen Firma. Das Highlight seines Lebens war, als er beim Auto von Schauspieler Josef Meinrad die Reifen gewechselt hat. Eine anständige Arbeit.

Heimlich hab ich mich informiert. Ich habe erfahren, dass Schüler, die sich für Chemie und Physik interessieren, das in der Stadt studieren können. Ein Lehrer gibt mir die Termine für die Aufnahmeprüfungen und meint, dass das für mich was wäre. Wie soll ich das um Gottes Willen meinen Eltern klar machen, dass das mein Wunsch ist. Ich habe Angst ihnen das zu erzählen. Ich weiss ja gar nicht, ob ich die Aufnahmeprüfung bestehen werde, aber versuchen will ich es.

Mutig und siegessicher sag ich es meiner Mama. Sie regt sich furchtbar auf, weil das auf keinen Fall in Frage kommt, weil sie mir das auf keinen Fall erlauben werden, weil sie mir das auf keinen, auf gar keinen Fall bezahlen werden. „Nein so haben wir uns das nicht vorgestellt. Du sollst was arbeiten gehen, was Anständiges. Für was soll denn diese Schule gut sein? Was willst du denn anschliessend machen? Nein das ist für eine Frau nix. Keine Frau macht so was. Das ist herausgeschmissenes Geld. Fertig. Nein!“

Ich mache die Aufnahmeprüfung, trotzdem!

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar